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Zwei Menschen. Zwei unterschiedliche Wege.

Rede von Georg Hoffmann, Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, zum Gedenktag des militärischen Widerstands 2026


Wir erinnern heute an zwei Männer, die vor mehr als achtzig Jahren lebten: Robert Bernardis und Anton Schmid. Vor mehr als achtzig Jahren trafen sie Entscheidungen – Entscheidungen, die ihr Leben forderten. Achtzig Jahre – das ist ein ganzes Menschenleben. Weit genug entfernt, dass Menschen zu Namen, Lebenswege zu Biografien und der Tod zu einem Datum werden können. 

Wir Historiker ordnen ein, erklären Zusammenhänge, schaffen Distanz. Das ist notwendig. Aber weil wir den Ausgang kennen, erscheint uns die Vergangenheit klarer, als sie für jene war, die in ihr leben mussten. Heute möchte ich diese Distanz für einen Augenblick aufheben. 

Heute vor 82 Jahren wurde Robert Bernardis 36 Jahre alt. Es war sein letzter Geburtstag. Er verbrachte ihn in einer Todeszelle. Am folgenden Tag, dem 8. August 1944, wurde er zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet. Wir kennen die Akten. Wir kennen die Abläufe. Wir kennen die menschenverachtende Sprache des Richters, die ihm jede Würde rauben sollte. Wir wissen nicht, wie lange so eine letzte Nacht dauert oder wie große seine Angst war, wenn er an seine Familie dachte. Wir können es nicht ermessen.

Robert Bernardis war Berufsoffizier, Ehemann und Vater. Sein Weg führte vom Ersten Bundesheer über die Wehrmacht und den Krieg in das Allgemeine Heeresamt nach Berlin. Es war kein geradliniger Weg in den Widerstand – Bernardis stand nicht von Beginn an außerhalb des Systems. Doch er erkannte den verbrecherischen Charakter des nationalsozialistischen Krieges – und gelangte an einen Punkt, an dem Wissen zur Entscheidung wurde. Am 20. Juli 1944 wirkte er im Berliner Bendlerblock an der Auslösung und Weitergabe der „Walküre“-Befehle mit. Er kannte das Risiko. Er war bereit es zu tragen und er bezahlte es mit seinem Leben.

Anton Schmid war damals, 1944, bereits seit mehr als zwei Jahren tot. Vor dem Krieg führte er in Wien ein kleines Elektro- und Radiogeschäft. Er war Ehemann und Vater. Als Feldwebel der Wehrmacht kam er 1941 in das besetzte Vilnius. Dort sah er Menschen, die entrechtet, zusammengetrieben und ermordet wurden. Er sah Menschen, die Hilfe brauchten. Schmid stellte Papiere aus, organisierte Transporte, versteckte Verfolgte und half ihnen, aus unmittelbarer Lebensgefahr zu entkommen. Er half nicht nur einmal. Er half wieder und wieder. Mit jeder einzelnen Handlung wuchs das Risiko. Im Jänner 1942 wurde er verhaftet, vor ein Kriegsgericht gestellt und am 13. April 1942 ermordet.

Zwei Menschen. Zwei unterschiedliche Wege. 
Robert Bernardis wollte dem Regime die Macht nehmen. Anton Schmid entzog ihm Menschen. Ihre Stellung, ihre Motive, ihre Möglichkeiten und ihre Form des Handelns waren verschieden. Wir würden ihnen nicht gerecht, wenn wir ihre Wege zu einer glatten Geschichte vereinfachten. Aber wir würden sie ebenso verfehlen, wenn wir nicht sähen, was sie verbindet. 

Wir wissen, dass das nationalsozialistische Regime unterging. Wir wissen, dass Bernardis und Schmid heute geehrt werden. Wir wissen, dass ihre Namen an diesem Gebäude stehen. Sie wussten nichts davon. Sie handelten nicht vor den Augen einer in Sicherheit lebenden Nachwelt. Sie handelten unter den Augen ihrer Verfolger. Sie konnten weder auf Erfolg noch auf spätere Anerkennung vertrauen. Ihre Entscheidung bedeutete Einsamkeit, Gefahr und schließlich den Tod. 

Historische Würdigung ist keine Heiligsprechung. Sie nimmt Menschen in ihren Voraussetzungen und Widersprüchen ernst. 

Die Bedeutung von Robert Bernardis und Anton Schmid liegt nicht darin, dass sie außerhalb ihrer Zeit gestanden hätten. Sie waren nicht frei von ihrer Zeit. Aber sie wurden frei genug, ihr zu widersprechen. 

Nach 1945 folgte auf ihren Tod lange keine Anerkennung. Menschen des militärischen Widerstands wurden lange als „Verräter“ und „Eidbrecher“ diffamiert. Das traf nicht nur die Toten. Es traf auch ihre Familien.

Sehr geehrte Angehörige der Familien Bernardis und Schmid: Dass Sie heute hier sind und diese Erinnerung mit uns teilen, gibt diesem Gedenken eine Tiefe, die keine historische Darstellung und keine Rede herstellen kann.

Der militärische Widerstand war keine einheitliche Bewegung. Es gab unterschiedlichste Formen, vom Umsturzversuch, über die Rettung Verfolgter, die Verweigerung verbrecherischer Befehle, Desertion und den Kampf gegen das NS-Regime auch in alliierten Streitkräften. Er war auch nicht rein männlich.

Seine Bedeutung liegt vor allem in einer grundlegenden Erkenntnis: Selbst unter äußerstem Druck ging menschliches Handeln nicht vollständig in Befehl und Zwang auf. Die Handlungsspielräume waren klein. Sie waren ungleich verteilt. Sie waren lebensgefährlich. Aber es gab sie. 

Deshalb gehört der militärische Widerstand in das demokratische Gedächtnis Österreichs.

Der Tag des militärischen Widerstandes gibt dieser Geschichte einen festen öffentlichen Ort. Er führt heute weiter zum Äußeren Burgtor und ins Weltmuseum – von der Würdigung zur Auseinandersetzung, von zwei Menschen zu vielen Biografien, von der historischen Forschung zu jungen Grundwehrdienern, die sich mit diesen Entscheidungen beschäftigen und heute den Opfern ihre Stimme geben.

Für das Heeresgeschichtliche Museum bedeutet der heutige Tag, die Geschichten historisch genau zu bewahren, ihre Widersprüche auszuhalten und öffentlich zu vermitteln. Wir sehen in der heutigen Zeit immer wieder, wie leicht historische Erinnerung aus ihrem Zusammenhang gelöst und missbraucht werden kann. Hier geht es nicht nur um historische Deutungen, sondern um unsere demokratischen Werte. Umso wichtiger ist Klarheit, Urteilskraft und historisches Bewusstsein. 

Robert Bernardis und Anton Schmid konnten nicht wissen, welchen Platz ihnen die Nachwelt einmal geben würde. Sie wussten nur, was sie gesehen und erkannt hatten, und dass daraus eine Entscheidung werden musste. 

Erinnerung ist nicht das Ende ihrer Geschichte. Sie ist der Ort, an dem aus ihren Entscheidungen unsere Verantwortung erwächst.

Das ist der Sinn dieses Tages und der Auftrag, der bleibt.

Rede von Georg Hoffmann, Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, zum Gedenktag des militärischen Widerstands 2026, gehalten am 7.8.2026

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