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Tag des militärischen Widerstandes: Verantwortung und die Grenzen des Gehorsams

Rede von Peter Steinbach, deutscher Historiker, Politikwissenschafter und vormaliger Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, anlässlich des Tages des militärischen Widerstands 2026 am Heldenplatz in Wien.


Peter Steinbach, deutscher Historiker, Politikwissenschafter und vormaliger Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, konnte beim Gedenktag des militärischen Widerstands aus gesundheiticen Gründen persönlich nicht anwesend sein. Seine Ansprache wurde daher in Auszügen verlesen. Die gesamte Rede finden Sie hier:


Mehr als achtzig Jahre nach dem Anschlag vom 20.Juli 1944 ist die Würdigung des Versuchs, mit der Tötung Hitlers einen Umbruch einzuleiten, keine Provokation mehr. Alljährlich erinnert seit Jahrzehnten eine zentrale Gedenkveranstaltung im Innenhof des Bendlerblocks an den Anschlag im ostpreußischen Führerhauptquartier, der dem Ziel, Hitler zu töten, denkbar nahekam. 

Zunächst bestimmte die NS-Propaganda das Bild. „Ehrgeizzerfressene Offiziere“ hätten versucht, ihn zu töten, verkündete Hitler schon in den frühen Abendstunden in seiner ersten Rundfunkansprache. Die meisten Deutschen machten in den folgenden Tagen aus ihrem Abscheu keinen Hehl, und der Sicherheitsdienst registrierte fleißig, wie sehr die Deutschen der „Vorsehung“ dankbar zu sein schienen, dem Schicksal vertrauten. Stauffenberg und seine Kameraden wurden zunächst nur insgeheim von den Gegnern des Regimes bewundert und gerechtfertigt, weil sie wussten, dass Deutschland allein durch eine Niederlage von der NS-Herrschaft befreit werden konnte. 

Die meisten Zeitgenossen sahen in seiner Tat viel zu lange nur den Versuch eines hohen Offiziers, in letzter Minute die eigene Haut zu retten. Welcher Mut zur entscheidenden Tat gehörte, was Stauffenberg und seine Freunde, unter ihnen Bernardis, mit ihrer Tat riskierten, konnten die meisten weder wissen noch würdigen, und nur zu gerne glaubten sie den Ausfällen nationalsozialistischer Propaganda gegen Adelige und Generalstabsoffiziere. 

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wechselte die Perspektive der Deutschen. Nun wurden die Gegner des NS-Staates nicht mehr als Verräter diffamiert. Geachtet wurden sie freilich auch sehr lange nicht. Vielmehr suchten Mitläufer - Heuß sprach von den „moralisch Anspruchslosen“ - vor allem ihre eigene Passivität zu rechtfertigen, indem sie den Attentätern nicht mehr die Tat, nun aber dessen angeblich dilettantische Ausführung anlasteten. Viel zu spät sei der Bombenanschlag erfolgt, nicht konsequent sei seine Ausführung gewesen, und an den deutschen Stammtischen zeigten die mehr oder minder Bezechten, wie man es hätte machen müssen. Respekt fanden die Regimegegner lange nicht.

Die meisten Deutschen lehnten es bis weit in die fünfziger Jahre strikt ab, eine Schule oder eine Straße ihrer Gemeinde nach dem Attentäter zu nennen. Diese Ablehnung lässt sich vermutlich nur tiefenpsychologisch erklären. Denn Fragen der Nachwachsenden nach der Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern wurden in der Regel so beantwortet, dass sich fast immer eine Entlastung, fast eine Rechtfertigung für die Angepassten und Mitläufer ergab.

Dennoch kam der Widerstand vielen deutschen Politikern gelegen, die für Deutschland wieder einen Platz in der Welt sichern wollten. Widerstand wurde nun um Beweis eines „anderen Deutschland“ (Ulrich von Hassell) gedeutet. Das Wort Tresckows von dem einen Gerechten, dessen Existenz Deutschland vor dem Verderben bewahren sollte, wurde oft zitiert. Nicht selten schien es, als sei nicht Österreich, sondern das Deutsche Reich das erste von den Nationalsozialisten besetzte Land gewesen. 

Soldaten leisten einen Eid, der sie verpflichtet zu dienen, zu kämpfen und das eigene Leben einzusetzen, also zu sterben. Eidbrüchig waren die militärischen Widerstandskämpfer nicht, denn sie durchschauten den Missbrauch eines Eides, der sich von den Zielen löste, die einen unbedingten Einsatz des Lebens rechtfertigte. Nicht sie empfanden sich als Verräter. Der wahre Verräter war für sie, Fritz Bauer drückte es im Prozess gegen Major Remer aus, Adolf Hitler. Sie befreiten sich von der Eidbindung und entschieden sich für eine höhere Verantwortung.

Unbestritten ist heute die Einsicht: Der Zweite Weltkrieg begann als deutscher Angriffskrieg auf Polen. Zu keiner Zeit handelte es sich deshalb um einen deutschen Verteidigungskrieg, und wer heute noch davon spricht, Hitler sei mit dem Angriff auf die Sowjetunion einem Angriff Stalins zuvorgekommen oder gar davon, dass, ich zitiere, „Weltjudentum“ hätte dem Deutschen Reich den Krieg erklärt, Konzentrationslager seien deshalb eher Gefangenenlager, der steht weiterhin im Bann nationalsozialistischer Kriegspropaganda. Er ist nicht in der Lage, den Weltkrieg zu deuten, der etwa 55 Millionen Menschen das Leben kostete.

Der 2. Weltkrieg als Rassen- und Weltanschauungskrieg: Diese Feststellung lässt zugleich alle Versuche, die militärischen Aktionen der deutschen Wehrmacht soldatisch zu rechtfertigen, obsolet werden. Diese Einsicht hat noch weitergehende Konsequenzen, über die wir ungern reden. Denn eigentlich ist jeder deutsche Soldat, jeder Deutsche ein Mittel zum Zweck gewesen, dem sich die Nationalsozialisten verschrieben haben. Nur wenige haben das erkannt, die Zahl derjenigen, die sich verweigerten, ist noch geringer. 

Sie gingen ein denkbar großes Risiko ein, als sie versuchten, sich aufzuklären, andere nachdenklich zu machen, ihre Enttäuschung und ihrem Entsetzen eine Bahn zu brechen, gar ihr Leben zu retten. „Wehrkraftzersetzer, Feiglinge, Verräter“ seien sie. Dies verkündeten Richter der Militärgerichtsbarkeit, die zum Teil eines Systems der Terrorisierung und Disziplinierung wurden, für das wir nach langer Zeit einen Begriff fanden: mit den Mitteln angeblicher Rechtsprechung betriebener Massenmord aus politischen Gründen. 

Die Konsequenz dieser Einsicht müsste eigentlich bedeuten, jeden zu respektieren, der sich diesem nationalsozialistischen Krieg entzog, jeden als Opfer anzuerkennen, der in die Räder der Mahlwerke der Kriegsgerichte geraten war.

Rassen- und Weltanschauungskrieg – das heißt: Der Krieg der Wehrmacht war die Voraussetzung für die Vernichtung des europäischen Judentums. Norbert Blüm brachte dies vor Jahren als Arbeitsminister der deutschen Regierung Kohl auf die griffige Formel, die Wehrmacht hätte auch Auschwitz verteidigt. Vor diesem Hintergrund ist es schwer, jene ins Unrecht zu setzen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, der Mitwirkung an der Fortsetzung des Krieges widersetzt und entzogen haben. Alfred Andersch hat dazu in seiner Veröffentlichung „Kirschen der Freiheit“ Richtiges gesagt, als er die Desertion als „seinen 20. Juli 1944“ bezeichnete.

Lange Jahre hatte sich allerdings nicht der zu rechtfertigen, der bis zum letzten Tage zu der Fahne stand, die das Hakenkreuz trug, oder sich auf einen Eid berief, den bereits 1938 Generaloberst Ludwig Beck angesichts der Gefährdung des „Bestands der Nation“ moralisch als höchst fragwürdig empfunden hatte. Er verwarf später die bindende Wirkung, des Eides und bestritt dessen Geltung. 

Vielmehr galt derjenige moralisch als verwerflich dargestellt, der die Grenzen des Eids, von Eid und Gehorsam, nicht akzeptierte und sich der weiteren Mitwirkung am Krieg als Soldat durch seine Entfernung von der Truppe entzogen hatte. Dass seit den Mitfünfziger Jahren der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in das Traditionsverständnis der Bundeswehr aufgenommen wurde, geht einher mit dem Bekenntnis, dass für die Angehörigen der neuen deutschen „bewaffneten Macht“ keineswegs mehr eine Pflicht zum unbedingten Gehorsam gelten sollte. 

Ein Kamerad von Stauffenberg, Graf Baudissin, hatte das Konzept der Inneren Führung entwickelt und der Auseinandersetzung des Soldaten mit den ethischen Grundlagen des Soldatentums und den Grenzen des Gehorsams einen hohen pädagogischen Stellenwert zugeschrieben. Aber sicherlich schossen Deutungen weit über das Ziel hinaus, die belegen wollten, die Widerstandskämpfer des 20.Juli 1944 hätten die freiheitlich-demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes verwirklichen wollen. 

Warum ist es für Historiker so schwer, Menschen aus den Denkvorstellungen ihrer Zeit zu entwickeln und zu würdigen? Warum vergaßen die Nachlebenden so rasch, dass sie wussten, was sie wussten, nur weil es sich ereignet hat? Wäre es nicht angemessener gewesen, Regimegegner in der Mitte historischer Entwicklungen und politischer Entscheidungen zu bewerten, um auf diese Weise ein Gefühl für die Leistung zu entwickeln, die sie verkörperten? Böte dies nicht die Möglichkeit eines exemplarischen Verhaltens?

Verstellt wurde in den Deutungen und Umdeutungen der Blick auf Menschen, die innerlich Positionen überwanden, die sie partiell zunächst mit den Nationalsozialisten geteilt hatten. Sie waren zunächst keineswegs geborene Gegner der Nationalsozialisten. Ihre Entscheidung ist insofern von exemplarischer Bedeutung, als an ihnen die stufenweise Distanzierung von Zeitströmungen erkennbar wird. Nicht der Befehlsgehorsam ist das ethische Problem, sondern die Erkenntnis des Punktes, an dem Gehorsam schuldig werden lässt, verbrecherische Mitwirkung an den Verbrechen des Staates ermöglicht. 

Das Gespür für die Dramatik, die gerade in der Überwindung individueller Verstrickungen in Zeitströme verborgen liegt, war bei vielen, die den Krieg überlebt hatten, schwach ausgeprägt – nicht zuletzt, weil man nach einer Entlastung für sich selbst suchte, wollte man den reinen Helden, die Lichtgestalt. Heroismus ist übermenschlich, Heroen sind zwar Nachfahren von Göttern und Menschen, aber sie haben in der Regel, zeugungsunfähig, wie sie in der Mythologie sind, keine Nachfahren. Das bedeutet nicht, dass die Auseinandersetzung mit Lebensgeschichten keine Nachfolger, moralisch und ethisch, schaffen kann. Es geht um Bemühung um einen Maßstab, um Koordinaten des Verhaltens in krisenhafter, einsamer Entscheidung, angesichts der Wirklichkeit eines Lebens an der doppelten Front: zwischen Bomben und Gestapo, angesichts des Entscheidungsdilemmas von Kooperation und Konfrontation, von Gehorsam und Widerspruch. 

Deshalb ist es gut, an zwei Soldaten zu erinnern, die ihre Grenzen kannten, die sich nicht vor Verfolgung und Tod fürchteten, die zu ihrer Tat und zu sich selbst standen. Sie verkörperten Konsequenz, Courage, Zivilcourage, die eine Art von höherem Mut verlangt als der Befehlsgehorsam, der rasch zum Kadavergehorsam mutieren kann. 

Ich freue mich, dass Sie in Österreich mit dem einfachen Soldaten Schmid und dem Wehrmachtsoffizier Bernardis gleichzeitig zwei Militärangehörige ehren, die wussten, wie sie handeln mussten. Sie handelten im Sinne eines Imperativs, den Kant formulierte und Fichte abwandelte und Professor Kurt Huber, das Mitglied der Weißen Rose, in seiner Rede vor dem Volksgerichtshof zitierte:

„Und handeln sollst Du so als hinge
von Dir und Deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge
 – und die Verantwortung wäre dein.“

Ich wünsche Ihnen, dass alle, die in der nach Schmid und Bernardis benannten Kaserne ihren Dienst verrichten, die Substanz und das Gewicht ihrer Motive, Entscheidungen und Taten der Namensgeber verstehen, billigen und teilen. Mögen sie sich bei jedem ihrer Einsätze an den von Schmid und Bernardis verkörperten Maßstäben eines zwar strikt reglementierten und zugleich auch zivilisierten Verhaltens messen.

Möge es Ihnen, Frau Ministerin, beschieden sein, Militärs und Soldaten auf eine Weise zu prägen und zu führen und sie nicht zuletzt davon zu überzeugen, dass sich militärische Traditionen durch historische Bildung kritisch erarbeiten und verstehen lassen. Schmid und Bernardis ließen beide ihr Leben, ohne sich zu beklagen. Sie sind keine Opfer, sondern Täter des Widerstands und deshalb soldatische Vorbilder, weil sie die Grenzen militärischen Gehorsams lebten und sie sich zu verfassungsmäßigen Wertstrukturen bekannten, die uns als Staatsbürger binden.

Rede von Peter Steinbach, deutscher Historiker und Politikwissenschaftler, anlässlich des Tages des militärischen Widerstandes 2026, gehalten am 7.8.2026.
 

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