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Objekte. Schicksale. Erinnerung.

Objekte. Schicksale. Erinnerung.

Persönliche Erinnerungen, bewegende Schicksale – Objekte erzählen von Gewalt und ihren Folgen: Ein Brief aus Dachau mit persönlicher Geschichte.


Ein Brief aus Dachau mit persönlicher Geschichte

Historiker und Referent für Digitalisierung Manfred Kerry betreut im Heeresgeschichtlichen Museum die Sammlung Fotografie und Plakate. Im Rahmen unserer Beitragsserie hat er sich für einen Brief von Josef Kende aus dem Konzentrationslager Dachau entschieden. Der am 3. Juli 1938 verfasste Brief an seine Frau Isolde ist mit zahlreichen Geschichten verbunden, die sich erst erschließen, wenn der historische Hintergrund genau ausgeleuchtet wird.

Warum haben Sie dieses Objekt als Ihr Lieblingsobjekt ausgewählt?

Der Brief von Josef Kende an seine Frau Isolde berührt zahlreiche Themen, die mit der Herrschaft des Nationalsozialismus verbunden sind. Aus einem dreiseitigen Brief lassen sich über verschiedenste Quellen zahlreiche Verbindungen herstellen, die ein breites Spektrum von Gewalt in einer autoritär geprägten Gesellschaft repräsentieren.

Welche Geschichte erzählt dieses Objekt und was macht es zu einem wichtigen Bestandteil der Ausstellung?

Das Objekt selbst ist mit zahlreichen Geschichten verknüpft. Offensichtlich ist der Umstand, dass der Wiener Buch- und Antiquariatshändler Josef Kende sehr früh nach Dachau verschleppt wurde, und zwar mit dem ersten Transport am 1. April 1938. Dieser Transport setzte sich vorwiegend aus politischen Vertretern des Austrofaschismus, hohen Beamten, der politischen Opposition, jüdischen Industriellen und Intellektuellen zusammen. Laut den verschiedensten Erlebnisberichten wurden die Häftlinge von der begleitenden Wachmannschaft offen misshandelt.

Der im Jahr 1868 in Klausenburg geborene Kende war Katholik, aber nach den Nürnberger Rassegesetzen Jude. Großindustrieller war er keinesfalls, aber seine Buchhandlung war augenscheinlich Anlaufstelle für aus Deutschland emigrierte Schriftsteller und Intellektuelle. Zwar meinte Kende, dass ihm keine Gefahr drohen könnte, jedoch blieb er aus Vorsichtsgründen seinem Geschäft am Ring am 14. März 1938 fern. Eine vergebliche Vorsichtsmaßnahme, denn er wurde noch am Vormittag desselben Tages in seinem Zuhause in Schutzhaft genommen.

Eine weitere Dimension ist die unglaubliche Geschwindigkeit, mit welcher der Nationalsozialismus in Österreich seine Herrschaft etablierte und Rechtsnormen einführte, die de facto den Schutz der Einzelperson aushebelten. Kende war der Überzeugung, dass die Schutzhaft ausschließlich zeitlich begrenzt war und hoffte, im Juli 1938 aus der Haft entlassen zu werden. Ein fataler Irrtum, mit dem er vermutlich nicht alleine war. Die Schutzhaft war knapp formuliert ein Instrument der Gestapo, gegen das keine Einsprüche erhoben werden konnten und dessen Sinn und Zweck es einzig und alleine war, alle vom Nationalsozialismus verfolgten Gruppen möglichst schnell in den Konzentrationslagern verschwinden zu lassen.

Das Objekt ist auch mit der Hoffnung verknüpft, dass letztendlich der eigene militärische Lebenslauf von Bedeutung sei beziehungsweise die Leistungen aus früheren Zeiten vor unrechtmäßiger Verfolgung schützen könnten. Isolde Kende erhob mehrere Einsprüche bei den unterschiedlichsten Stellen. Sie argumentierte, dass der inhaftierte Josef Kende als Rittmeister der k.u.k. Armee vier Jahre im Ersten Weltkrieg gedient hatte. Ein Argument, das auch viele andere inhaftierte Juden anführten, aber letztendlich aufgrund der nationalsozialistischen Programmatik scheitern musste.

Der Brief steht auch für den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Absturz einer Familie. Die Buchhandlung von Kende wurde arisiert, sein Schwiegersohn August Grosz, der mit seiner Tochter Elvira verheiratet war, musste die Leitung der Waffenkammer im Kunsthistorischen Museum niederlegen, da Elvira als „Mischling I. Grades“ galt und August Grosz als „politisch unzuverlässig“ und zudem „mit Juden versippt“ eingestuft worden war.

Es ist nicht klar ersichtlich, aber sehr wahrscheinlich, dass Kende diesen Brief nicht mehr selbst hat verfassen können. Seinen Namen hat er tatsächlich auf der Innenseite selbst geschrieben, jedoch ist der Unterschied im Schriftbild eklatant, da eine schwere Verletzung seines rechten Armes ihm lediglich ermöglichte, einzelne Buchstaben fast unleserlich zu kritzeln. Diese Verletzung dürfte letztendlich dazu geführt haben, dass der 70-Jährige im Oktober 1938 nach der Verlegung in das Konzentrationslager Buchenwald tragischerweise an einer Lungenentzündung verstarb.

Welche Bedeutung hat dieses Objekt für das Thema „Gewalt — Gesellschaft“?

Mittels verschiedenster Quellen lassen sich aus einem dreiseitigen Brief, der aufgrund des Absendeortes nicht alltäglich ist, sehr viele Verbindungen herstellen, die ein breites Spektrum von Gewalt in einer autoritär geprägten Gesellschaft repräsentieren. Der Brief macht sichtbar, wie sich politische Verfolgung, staatliche Gewalt, Entrechtung und die Folgen für die betroffene Familie miteinander verbinden.

Was möchten Sie den Besuchenden durch dieses Objekt vermitteln?

Das Objekt und die verbundenen Geschichten haben durchaus einen Gegenwartsbezug, da es verdeutlicht, dass es Werte gibt, wie zum Beispiel Grundrechte, die nicht selbstverständlich sind und deren Aussetzung drastische Konsequenzen nach sich ziehen.

Der Brief von Josef Kende ist Teil der Ausstellung „Gewalt — Gesellschaft. Österreich im Zeitalter der Weltkriege 1918 bis 1955“. Die Ausstellung beleuchtet Gewalterfahrungen, Militarisierung und Militanz in Österreich zwischen 1918 und 1955 und zeigt, wie Gewalt weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus nachwirkte. Mit eindrucksvollen Objekten lädt sie dazu ein, über die Rolle des Militärs, gesellschaftliche Verantwortung und den Umgang mit Vergangenheit und Erinnerung nachzudenken.

© HGM/ Öffentlichkeitsarbeit JB; HGM/ Kerry

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