Objekte. Schicksale. Erinnerung.
Persönliche Erinnerungen, bewegende Schicksale – Objekte erzählen von Gewalt und ihren Folgen: der Volksempfänger.
Ein Radio mit politischer Geschichte
Ausstellungsarchitekt Marc Schuran hat sich im Rahmen unserer Beitragsserie für einen Volksempfänger entschieden. Ein auf den ersten Blick schlichtes Radio, das bei genauerer Betrachtung von der Macht der Propaganda und ihrem bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft erzählt.
Warum haben Sie dieses Objekt als Ihr Lieblingsobjekt ausgewählt?
Weil dieses Objekt bei mir sofort ein sehr gegenwärtiges Gefühl ausgelöst hat. Der Volksempfänger wurde gebaut, damit eine einzige Stimme in möglichst viele Wohnzimmer kommt. Und heute trägt fast jeder von uns ein Gerät in der Tasche, das auswählt, was wir zu sehen und zu hören bekommen. Dieses Objekt zieht mich aus der Historie mitten ins aktuelle Geschehen.
Welche Geschichte erzählt dieses Objekt und was macht es zu einem wichtigen Bestandteil der Ausstellung?
Es erzählt, wie Propaganda in den Alltag kam. Der Volksempfänger war ab 1933 eines der billigsten Radios auf dem Markt, und das war Absicht: Das Regime wollte, dass sich jeder Haushalt ein Gerät leisten kann. Beworben wurde er mit dem Satz „Ganz Deutschland hört den Führer mit dem Volksempfänger". Metall und Bakelit, einfach gebaut, in großen Stückzahlen gefertigt, Massenware mit politischem Zweck. Unser Exemplar hat dazu eine besondere Geschichte: Es stammt aus einer Schenkung von Hugo Portisch, dem Journalisten, der den Österreicher:innen Jahrzehnte später im Fernsehen erklärt hat, wie es währende des Krieges so weit kommen konnte.
Welche Bedeutung hat dieses Objekt für das Thema „Gewalt — Gesellschaft"?
Für mich bedeutet es, dass Gewalt nicht erst mit Waffen beginnt. Eine Gesellschaft muss überzeugt werden, bevor sie Gewalt ausübt oder hinnimmt, und genau dafür wurde dieses Gerät entwickelt. Auch die Gestaltung gehörte zur Methode: Das Gerät ist formschön und wirkt bis heute ansprechend, denn Propaganda sollte nicht bedrohlich aussehen, sie sollte gefallen. So gesehen ist der Volksempfänger eines der politischsten Objekte der Ausstellung, obwohl er keine Waffe ist.
Was möchten Sie den Besuchenden durch dieses Objekt vermitteln?
Weniger ein Gefühl als einen Gedanken. Der Volksempfänger wurde nicht entwickelt, um Menschen zu informieren, sondern um sie zu erreichen. Wer ein Medium baut, entscheidet mit, was Menschen hören, und wer es billig macht, entscheidet, wie viele. Ich wünsche mir, dass die Besucher:innen vor diesem Radio kurz überlegen, wem sie heute zuhören und wer diese Auswahl für sie trifft. Die Ausstellungsarchitektur gibt ihm dafür bewusst Raum: Der Volksempfänger steht als einziges dreidimensionales Objekt in seiner Vitrine. Und zwischen all den Waffen, die dort ausgestellt sind, ist er für mich trotzdem das bedrohlichste Objekt.
Der Volksempfänger ist Teil der Ausstellung „Gewalt — Gesellschaft. Österreich im Zeitalter der Weltkriege 1918 bis 1955“. Die Ausstellung beleuchtet Gewalterfahrungen, Militarisierung und Militanz in Österreich zwischen 1918 und 1955 und zeigt, wie Gewalt weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus nachwirkte. Mit eindrucksvollen Objekten lädt sie dazu ein, über die Rolle des Militärs, gesellschaftliche Verantwortung und den Umgang mit Vergangenheit und Erinnerung nachzudenken.
© HGM/ Öffentlichkeitsarbeit JB