Objekte. Schicksale. Erinnerung.
Persönliche Erinnerungen, bewegende Schicksale - Objekte erzählen von Gewalt und ihren Folgen: die Häftlingsuniform aus Auschwitz.
Wie ein Objekt gleichzeitig für Entmenschlichung und Hoffnung stehen kann.
Barbara Karl, Leiterin der Abteilung Sammlungen und Ausstellungen über die Häftlingsuniform von Maria Ivancich
In der neuen Dauerausstellung „Gewalt – Gesellschaft“ zeigt das Heeresgeschichtliche Museum Objekte, die nicht nur historische Ereignisse dokumentieren, sondern auch individuelle Schicksale sichtbar machen. Eines davon ist die Häftlingsuniform von Maria Ivancich, die als junge Frau nach Auschwitz deportiert wurde und das Konzentrationslager überlebte. Für Barbara Karl, Leiterin der Sammlungen und Ausstellungen des Heeresgeschichtlichen Museums, ist dieses Objekt von besonderer Bedeutung – nicht, weil es ein „Lieblingsobjekt“ wäre, sondern weil es eine persönliche Geschichte erzählt und stellvertretend für das Schicksal unzähliger Opfer nationalsozialistischer Verfolgung steht.
Warum haben Sie dieses Objekt als ein Lieblingsobjekt ausgewählt?
Bei der Uniform von Maria Ivancich aus Auschwitz handelt es sich ausdrücklich nicht um ein Lieblingsobjekt. In diesem Ausstellungskontext halte ich es für verfehlt, von meinem Lieblingsobjekt zu sprechen. Es ist vielmehr ein Objekt, das mich tief berührt, auch weil ich die Tochter jener Frau kenne, die diese Uniform als junge Inhaftierte tragen musste.
Welche Geschichte erzählt dieses Objekt und was macht es zu einem wichtigen Bestandteil der Ausstellung?
Die Uniform erzählt die Geschichte von Maria Ivancich, die 1944 gemeinsam mit ihrem Vater von den Nationalsozialisten verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde.
Maria gehörte der italienischen Minderheit in Rijeka (damals Fiume) an. Im Lokal ihrer Familie trafen sich Partisanen. Als deutsche Soldaten das Gasthaus stürmten, versuchten die Partisanen noch, geheime Dokumente in Sicherheit zu bringen. Maria und ihre Schwestern versteckten diese, wurden jedoch entdeckt. Maria und ihr Vater wurden verhaftet, zwei Partisanen unmittelbar erschossen.
Nach der Haft in Fiume und im Coroneo-Gefängnis in Triest wurden Vater und Tochter im Juni 1944 in einem versiegelten Viehwaggon nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die tagelange Fahrt erfolgte unter unmenschlichen Bedingungen: dicht gedrängt, ohne ausreichende Versorgung und ohne hygienische Möglichkeiten. Nach ihrer Ankunft wurden Vater und Tochter getrennt. Maria wurde ihrer Kleidung beraubt, kahlgeschoren und erhielt die eintätowierte Häftlingsnummer 81654 – ihre Identität wurde auf eine Nummer reduziert. Anschließend musste sie die blau-weiß gestreifte Lageruniform anziehen, die heute in der Ausstellung zu sehen ist.
Der Lageralltag war geprägt von überfüllten Baracken, Zwangsarbeit, Hunger, Demütigung und permanenter Todesangst. Besonders eindrücklich schilderte Maria später den täglichen Marsch der erschöpften Häftlinge, die wie „lebende Tote“ zur Arbeit gingen und zurückkehrten, begleitet von einem Häftlingsorchester, während auf Holzkarren die Leichen jener transportiert wurden, die den Tag nicht überlebt hatten. Nach einigen Monaten wurde Maria aufgrund ihrer geschickten Hände in die OSRAM-Glühbirnenfabrik innerhalb des Lagerkomplexes versetzt. Die Arbeit in der Fabrik rettete ihr vermutlich das Leben, da sie nicht im Freien Schwerstarbeit leisten musste.
Mit der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Jänner 1945 begann für Maria eine wochenlange Rückreise. Ihren Vater traf sie in Triest wieder – auch er hatte die nationalsozialistischen Konzentrationslager überlebt, nachdem er aus Dachau zurückgekehrt war. Gemeinsam kehrten sie nach Fiume zurück. Nach dem Krieg studierte Maria Mathematik und Physik und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Lehrerin an einer italienischen Schule. Sie heiratete Orlando Humski und gründete eine Familie.
Ihre Uniform erinnert heute an ihr persönliches Schicksal – und an jenes zahlloser weiterer Menschen, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden.
Welche Bedeutung hat dieses Objekt für das Thema „Gewalt – Gesellschaft“?
Die Uniform steht für den vollständigen Verlust persönlicher Identität. Sie erzählt von der Beschlagnahmung persönlicher Gegenstände, von Entmenschlichung, Zwangsarbeit, Hunger, Angst und Erniedrigung. Gleichzeitig steht sie aber auch für Hoffnung und Resilienz. Dass die Uniform erhalten geblieben ist und ihre Trägerin das Konzentrationslager überlebt hat, macht sie zu einem außergewöhnlichen Zeugnis der Geschichte.
Was möchten Sie den Besucher durch dieses Objekt vermitteln?
Von den meisten erhaltenen Häftlingsuniformen kennen wir die Menschen nicht mehr, die sie tragen mussten. Hier ist das anders. Wir wissen, wer diese gestreifte Jacke getragen hat. Wir kennen den Namen von Maria Ivancich. Wir wissen, dass sie die Uniform nach ihrer Befreiung mit nach Hause nahm und jahrzehntelang aufbewahrte. Gerade diese Verbindung zwischen einem konkreten Objekt und einer konkreten Biografie macht die Uniform zu einem zentralen Ausstellungsstück. Die Geschichte der jungen Maria Ivancich steht stellvertretend für die Erfahrungen vieler politisch verfolgter Frauen und Männer, deren Leben durch Krieg und nationalsozialistische Gewalt zerstört oder für immer verändert wurde. Ich verstehe dieses Objekt als ein mahnendes Element der Ausstellung. Es erinnert daran, welche Folgen Ausgrenzung, Entrechtung und Gewalt haben können – und warum es unsere gemeinsame Verantwortung ist, diese Geschichte zu bewahren und weiterzuerzählen.
© eSeL.at/ Joanna Pianka