160 Jahre Schlacht von Lissa
Erinnerung an ein Ereignis mit europäischer Geschichte
Im Rahmen der offiziellen Gedenkfeierlichkeiten auf der kroatischen Insel Vis (historisch: Lissa) erinnerte Georg Hoffmann, Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums an die Seeschlacht vom 20. Juli 1866. Er widmete sich dabei nicht nur dem militärischen Verlauf der Schlacht, sondern vor allem ihrer historischen Bedeutung und ihrem langen Nachleben in der europäischen Erinnerungskultur.
Die Schlacht von Lissa gilt als einer der bedeutendsten Erfolge der österreichischen Marine unter dem Kommando Wilhelm von Tegetthoffs. Zugleich verweist sie auf ein historisches Paradox: Obwohl die österreichische Flotte vor Lissa siegte, konnte dieser Erfolg den Ausgang des Krieges nicht mehr beeinflussen. Österreich verlor den Deutschen Krieg von 1866 und musste Venetien an Italien abtreten. Aus dem Gegensatz zwischen militärischem Triumph und politischer Niederlage entwickelte sich eine Erinnerung, die weit über das eigentliche Ereignis hinausreicht. Schon kurz nach der Schlacht begann sich das Bild von Lissa zu verändern. Der Sieg wurde zunehmend mit den Tugenden Mut, Disziplin und Pflichterfüllung verbunden, Admiral Tegetthoff zur Symbolfigur erhoben und der erfolgreiche Rammstoß gegen die Re d'Italia zum Sinnbild der gesamten Schlacht. Damit wurde aus einem komplexen militärischen Ereignis eine Erzählung, die über Generationen hinweg immer wieder neu interpretiert und für unterschiedliche politische Zwecke genutzt wurde.
Heute eröffnet Lissa einen breiteren Blick auf die Geschichte der Habsburgermonarchie und der Adria. Die Schlacht gehört zugleich zur österreichischen, italienischen und kroatischen Geschichte. Die multinationalen Besatzungen der kaiserlichen Marine, die unterschiedlichen nationalen Erinnerungstraditionen und der historische Ort selbst machen deutlich, dass es keine einzelne Perspektive auf dieses Ereignis gibt. Gerade diese Vielschichtigkeit macht Vis, historisch Lissa, zu einem europäischen Erinnerungsort.
Aus dieser Perspektive versteht das Heeresgeschichtliche Museum auch seinen heutigen Auftrag. Militärgeschichte soll nicht allein Siege, Technik oder Persönlichkeiten zeigen, sondern historische Zusammenhänge sichtbar machen. Dazu gehört es, militärische Leistungen ebenso einzuordnen wie ihre politischen Folgen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und die menschlichen Erfahrungen hinter den historischen Ereignissen zu vermitteln. 160 Jahre nach der Schlacht bleibt Lissa damit mehr als ein Kapitel der Marinegeschichte. Der Ort steht heute für die Frage, wie Geschichte erinnert wird, wie sich historische Deutungen verändern und welche Verantwortung Museen bei der Vermittlung dieser Vergangenheit tragen.
Foto 1: Gemälde von Alex Kircher, 1918, Leihgabe des Technischen Museums Wien