Objekte. Schicksale. Erinnerung.
Persönliche Erinnerungen, bewegende Schicksale - Objekte erzählen von Gewalt und ihren Folgen: von gut gelückten Kompromissen im Ausstellungsaufbau.
Politik im Bild – Die Kanzlerportraits der Zwischenkriegszeit
Was macht ein Museumsobjekt bedeutsam? Manchmal ist es nicht ein einzelnes Sammlungsobjekt, sondern das Zusammenspiel mehrerer Objekte.
Für einen weiteren Beitrag unserer Reihe „Objekte. Schicksale. Erinnerung.“ stellt Christiana Rieder (Restauratorin am HGM) ihre Lieblingsobjektgruppe vor:
Warum haben Sie dieses Objekt als Ihr Lieblingsobjekt ausgewählt?
Ich habe mich in diesem Fall für die Objektgruppe der Kanzlerportraits entschieden, da sie exemplarisch zeigt, dass ein einzelnes Sammlungsobjekt nicht zwangsläufig für sich spannend sein muss, aber durch eine durchdachte Anordnung, Inszenierung und Kontextualisierung an Aussagekraft gewinnen kann.
Spannend für uns Restauratorinnen war der Weg zur finalen Präsentation. Ursprünglich war seitens Kuratierung und Ausstellungsgestaltung vorgesehen, die Gemälde gemeinsam mit den Reproduktionen der Wahlkampfplakate auf beweglichen Schiebewänden zu präsentieren. Aus konservatorischer Sicht ließ sich dieses Konzept jedoch nicht umsetzen, da das regelmäßige Bewegen der Originalgemälde längerfristig zu einer permanenten Materialbelastung durch Erschütterungen geführt hätte. Zudem war eine weitere Anforderung der Restaurierung, für Reinigungen und Revisionen die Zugänglichkeit der Gemälde zu gewährleisten.
Schließlich entstand diese, wie ich finde, gelungene Präsentation, die sowohl konservatorische Anforderungen berücksichtigt als auch die inhaltliche Wirkung der Objektgruppe überzeugend zur Geltung bringt.
Welche Geschichte erzählt dieses Objekt und was macht es zu einem wichtigen Bestandteil der Ausstellung?
Einerseits wird mit dieser Inszenierung auf einen Blick deutlich, wie rasant und häufig sich die politischen Machthaber in der Zwischenkriegszeit ablösten. Andererseits zeigen die Plakate mit ihrer kämpferischen Sprache und Bildsprache eindrucksvoll, welche Wirkung Rhetorik entfalten kann und wie feindselige Formulierungen zur Spaltung von Gesellschaften beitragen.
Welche Bedeutung hat dieses Objekt für das Thema „Gewalt — Gesellschaft“?
Die Zwischenkriegszeit in Österreich war geprägt von ausgeprägten politischen Gegensätzen, wirtschaftlichen Krisen und gesellschaftlichen Umbrüchen – Entwicklungen, die sich auch in der kämpferischen Sprache der Wahlkampagnen widerspiegeln. Die Plakate zeigen in eindringlicher Weise, wie gegnerische Parteien entmenschlicht und zu Feindbildern stilisiert wurden. Dass solche Worte beziehungsweise eine aggressive Rhetorik nicht folgenlos blieben, zeigt die zunehmende politische Radikalisierung, die schließlich zu gewaltsamen Eskalationen führte.
Was möchten Sie den Besuchenden durch dieses Objekt vermitteln?
In erschreckender Weise lässt sich eine Parallele zur heutigen politischen Rhetorik erkennen – sei es im Wahlkampf, in der internationalen Politik oder in den oft zugespitzten Debatten im Internet. Die Objektgruppe soll dazu anregen, über die Wirkung von Sprache nachzudenken und sich bewusst zu machen, dass Worte gesellschaftliche Entwicklungen prägen und im schlimmsten Fall den Weg für Gewalt bereiten können.
Die Kanzlerportraits sind Teil der Ausstellung „Gewalt — Gesellschaft. Österreich im Zeitalter der Weltkriege 1918 bis 1955“. Die Ausstellung beleuchtet Gewalterfahrungen, Militarisierung und Militanz in Österreich zwischen 1918 und 1955 und zeigt, wie Gewalt weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus nachwirkte. Mit eindrucksvollen Objekten lädt sie dazu ein, über die Rolle des Militärs, gesellschaftliche Verantwortung und den Umgang mit Vergangenheit und Erinnerung nachzudenken.
© eSeL.at/ Joanna Pianka