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Objekte. Schicksale. Erinnerung.

Objekte. Schicksale. Erinnerung.

Persönliche Erinnerungen, bewegende Schicksale - Objekte erzählen von Gewalt und ihren Folgen.


Was macht ein Museumsobjekt bedeutsam? Manchmal ist es nicht seine Größe oder sein materieller Wert, sondern die Geschichte, die sich mit ihm verbindet. Ein solches Objekt ist das Landkarten-Seidentuch eines US-Piloten. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine gewöhnliche geografische Karte. Erst bei genauerem Hinsehen wird sichtbar, dass es sich um eine auf Seide gedruckte Landkarte Mitteleuropas handelt. Sie wurde an US-amerikanische Flieger ausgegeben, damit diese sich nach einem Abschuss orientieren und in Sicherheit bringen konnten.

Für den zweiten Beitrag unserer Reihe „Objekte. Schicksale. Erinnerung.“ stellt Isabelle Pachta-Reyhofen (HGM-Öffentlichkeitsarbeit) dieses Objekt vor:

„Landkarte to Go“ – Das Landkarten-Seidentuch eines US-Piloten

Warum haben Sie dieses Objekt als Ihr Lieblingsobjekt ausgewählt?

Dieses Seidentuch wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es sich nicht nur um eine Landkarte Mitteleuropas, sondern tatsächlich um ein Seidentuch handelt. Gerade dieser Gegensatz fasziniert mich: Ein Stück Stoff, das in einer Extremsituation über Leben und Tod entscheiden konnte. Das Tuch erzählt nicht nur von militärischer Ausrüstung, sondern vor allem von den Menschen, die es bei sich trugen – jungen Männern, die in einem ihnen unbekannten Land im Krieg eingesetzt und im Falle eines Abschusses auf Orientierung, Hilfe und oft auch auf Glück angewiesen waren.

Welche Geschichte erzählt dieses Objekt und was macht es zu einem wichtigen Bestandteil der Ausstellung?

Das Seidentuch wurde US-amerikanischen Soldaten ausgegeben, damit sie sich nach einem Abschuss orientieren und in Sicherheit bringen konnten. Seide eignete sich dafür besonders gut: Das Material war leicht, wasserfest, geräuschlos und ließ sich platzsparend zusammenfalten. Hinter diesem Objekt stehen jedoch unzählige persönliche Schicksale. Zwischen 1943 und 1945 kamen im Gebiet des heutigen Österreich rund 2.500 alliierte Flieger bei Flugzeugabstürzen ums Leben. Wenn ich dieses Tuch sehe, denke ich deshalb nicht zuerst an eine Landkarte oder ein Modeaccessoire, sondern an all die Geschichten, die damit verbunden sind. Gerade deshalb ist dieses Objekt für mich ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung: Es macht deutlich, dass sich hinter historischen Ereignissen immer einzelne Menschen verbergen.

Welche Bedeutung hat dieses Objekt für das Thema „Gewalt – Gesellschaft“?

Das Seidentuch zeigt, dass Gewalt nicht nur in Waffen oder Schlachten sichtbar wird. Sie verändert den Alltag, zwingt Menschen dazu, sich auf Extremsituationen vorzubereiten und jederzeit mit dem Schlimmsten zu rechnen. Eine Landkarte wird in diesem Zusammenhang zu einem Symbol für Hoffnung und Überleben. Gleichzeitig erinnert das Objekt daran, dass der Luftkrieg nicht nur die Menschen in den Flugzeugen betraf, sondern ganze Gesellschaften. Bombenangriffe, Abstürze und ihre Folgen prägten den Alltag vieler Menschen – am Boden ebenso wie in der Luft.

Was möchten Sie den Besuchenden durch dieses Objekt vermitteln?

Ich wünsche mir, dass sich die Besuchenden einen Moment Zeit nehmen, dieses Tuch genau zu betrachten. Vielleicht fragen sie sich, wer es einmal in der Hand gehalten hat, ob es jemals benutzt wurde und welche Hoffnungen damit verbunden waren. Man braucht keine spektakulären Gegenstände, um von Krieg und Gewalt zu erzählen. Manchmal reicht ein Stück Seide, um deutlich zu machen, wie zerbrechlich menschliches Leben ist und wie eng Mut, Zufall und Überleben miteinander verbunden sein können. Wenn Besuchende die Ausstellung mit diesem Gedanken verlassen, hat das Objekt seine Geschichte weitererzählt.

 

Das Landkarten-Seidentuch erhält in der Ausstellung eine weitere Bedeutung. Im Kontext der Vitrine zum Thema Propaganda verweist es darauf, dass das nationalsozialistische Regime zur Lynchjustiz an abgeschossenen alliierten Bomberbesatzungen aufrief. Gemeinsam mit einem Volksempfänger, einem Propagandagemälde und dem Leitwerk eines abgeschossenen Bombers macht das Objekt den Zusammenhang zwischen Propaganda und Gewalt sichtbar.

Es ist eines von zahlreichen Objekten der Ausstellung „Gewalt — Gesellschaft. Österreich im Zeitalter der Weltkriege 1918 bis 1955“, die Geschichte anhand persönlicher Schicksale erzählt. Die Ausstellung beleuchtet Gewalterfahrungen, Militarisierung und Militanz in Österreich zwischen 1918 und 1955 und zeigt, wie Gewalt weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus nachwirkte. Mit eindrucksvollen Objekten lädt sie dazu ein, über die Rolle des Militärs, gesellschaftliche Verantwortung und den Umgang mit Vergangenheit und Erinnerung nachzudenken.

© HGM/ Öffentlichkeitsarbeit SP

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