Objekte. Schicksale. Erinnerung.
Persönliche Erinnerungen, bewegende Schicksale - Objekte erzählen von Gewalt und ihren Folgen: ein Bild, zwei Perspektiven.
Politik im Bild – Ein Gemälde, zwei Videos, viele Perspektiven
Was macht ein Museumsobjekt bedeutsam? Manchmal ist es nicht ein einzelnes Objekt, sondern das Zusammenspiel mehrerer Exponate.
Für einen weiteren Beitrag unserer Reihe „Objekte. Schicksale. Erinnerung.“ stellt Thomas Edelmann, Kurator am Heeresgeschichtlichen Museum, seine Lieblingsobjektgruppe vor: das Gemälde von Max Frey aus dem Jahr 1948 und zwei begleitende Videoinstallationen, die das Werk in unterschiedliche historische Zusammenhänge stellen.
Warum haben Sie dieses Objekt als Ihr Lieblingsobjekt ausgewählt?
Als Kurator ist es schwer, nur ein Objekt auszuwählen, weil alle Objekte wichtig für die Ausstellung sind. Deshalb habe ich eine Gruppe von Objekten gewählt. Im Mittelpunkt steht das große Gemälde von Max Frey aus dem Jahr 1948 mit dem Titel „Die Ausrufung der Republik vom Balkon des niederösterreichischen Landhauses in der Herrengasse zu Wien am 30. Oktober 1918“. Links und rechts davon sind zwei Videos zu sehen. Sie zeigen das Gemälde in zwei verschiedenen historischen Zusammenhängen. Ich finde diese Kombination spannend, weil sie zeigt, dass ein Objekt verschiedene Geschichten erzählen kann.
Welche Geschichte erzählt dieses Objekt und was macht es zu einem wichtigen Bestandteil der Ausstellung?
Das Gemälde in der Mitte der Gruppe wurde 1948 gemalt und erzählt die Geschichte der Entstehung Österreichs als Staat im Jahr 1918. Gleichzeitig zeigt es, dass Geschichte und die Erinnerung daran nicht immer gleich sind. Schon der am oberen Bildrand eingefügte Titel des Bildes ist irreführend. Am 30. Oktober 1918 wurde die Republik noch nicht ausgerufen. An diesem Tag trat die erste Regierung zusammen. Die Ausrufung der Republik fand erst am 12. November vor dem Parlament statt. Das Gemälde wurde für ein Museum der Republik geschaffen und sollte ihre Wurzeln zeigen. Ein Video links davon zeigt die unsichere Stimmung der Menschen an diesem Tag. Im Gemälde und im historischen Film sind die rot-weiß-roten Nationalfarben nicht zu sehen. Das zeigt, wie ungewiss die Zukunft Österreichs damals war. Das andere Video auf der rechten Seite der Wand zeigt das Jahr 1955, als Österreich durch den Staatsvertrag wieder souverän wurde.
Welche Bedeutung hat dieses Objekt für das Thema „Gewalt — Gesellschaft“?
Das Ensemble zeigt, wie Gesellschaften mit Gewalt umgehen und an welche Ereignisse sie sich erinnern oder nicht erinnern wollen. Der 30. Oktober wurde im Bildtitel vermutlich bewusst gewählt, damit der blutige 12. November nicht erwähnt wird. An diesem Tag gab es bei Unruhen vor dem Parlament Todesopfer. Nach dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg sollte das Gemälde der Zweiten Republik eine friedliche und demokratische Geschichte geben. Auch das Bild wurde verändert. Der Künstler musste die roten Fahnen weniger auffällig malen. So zeigt das Gemälde, dass Gewalt und politische Symbole immer wieder neu bewertet werden.
Was möchten Sie den Besuchenden durch dieses Objekt vermitteln?
Ich möchte den Besucherinnen und Besuchern zeigen, dass die Identität einer Nation nicht einfach entsteht, sondern bewusst aufgebaut wird. Jede Nation entwickelt ihre eigenen Geschichten, Symbole und Mythen. Das Gemälde von Max Frey zeigt deshalb nicht einfach ein historisches Ereignis. Es sollte nach dem Krieg helfen, eine eigenständige österreichische Identität zu begründen.
Das Ensemble ist Teil der Ausstellung „Gewalt — Gesellschaft. Österreich im Zeitalter der Weltkriege 1918 bis 1955“. Die Ausstellung beleuchtet Gewalterfahrungen, Militarisierung und Militanz in Österreich zwischen 1918 und 1955 und zeigt, wie Gewalt weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus nachwirkte. Mit eindrucksvollen Objekten lädt sie dazu ein, über die Rolle des Militärs, gesellschaftliche Verantwortung und den Umgang mit Vergangenheit und Erinnerung nachzudenken.
© eSeL.at/ Joanna Pianka