Objekte. Schicksale. Erinnerung.
Persönliche Erinnerungen, bewegende Schicksale - Objekte erzählen von Gewalt und ihren Folgen.
Ein Mantel mit Geschichte
Wenn ein Kleidungsstück die Geschichte von gleich mehreren Generationen erzählt
Carolin Göllner, Textilrestauratorin im Heeresgeschichtlichen Museum, hat sich im Rahmen unserer Beitragsserie für einen Mantel aus der Nachkriegszeit entschieden. Ein auf den ersten Blick schlichtes Kleidungsstück, das bei genauer Betrachtung von handwerklicher Sorgfalt, Ressourcenknappheit und den langfristigen Folgen von Krieg und Gewalt erzählt.
Warum haben Sie dieses Objekt ausgewählt?
Weil wir im Restaurierungsatelier im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen einen Unterbau zur Präsentation des Objektes herstellen mussten. In diesem Zusammenhang haben wir den Mantel genauer betrachtet und Themen wie Schnittführung und Nahttechnik eingehend untersucht.
Welche Geschichte erzählt dieses Objekt?
Leider wissen wir nicht, wer den Mantel getragen oder hergestellt hat. Während der Bearbeitung wurde jedoch deutlich, mit welcher Sorgfalt er gefertigt wurde. Das zeigt sich etwa daran, dass die Knöpfe zwar aus unterschiedlichen Materialien bestehen und nicht alle dem gleichen Stil entsprechen, aber dennoch sorgfältig angebracht wurden. Auch die für die damalige Zeit sehr modische Schnittführung deutet darauf hin, dass Material aus einem militärischen Kontext bewusst und ressourcenschonend weiterverwendet wurde. Die zahlreichen Abnutzungen an den Kanten und den Ärmelschlitzen weisen zudem auf einen langen und intensiven Gebrauch des Mantels hin.
Welche Bedeutung hat dieses Objekt für das Thema „Gewalt — Gesellschaft“?
Der Mantel verweist einerseits auf den Mangel an Ressourcen und die Not in der Nachkriegszeit. Andererseits macht er sichtbar, wie die Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus über das Kriegsende hinaus nachwirkte und auch die folgenden Generationen prägte.
Was kann den Besuchenden durch dieses Objekt vermittelt werden?
Der Mantel wirkt wie ein Objekt, das aus einer Notlage heraus entstanden ist und dennoch nicht auf einen ästhetischen Anspruch verzichtet. Gerade dieses Spannungsfeld zwischen Zweckmäßigkeit, gestalterischer Schönheit und sorgfältiger handwerklicher Umsetzung regt dazu an, über Ressourcenknappheit, Nachhaltigkeit und eine humanistische Haltung nachzudenken.
Der Kindermantel ist Teil der Ausstellung „Gewalt — Gesellschaft. Österreich im Zeitalter der Weltkriege 1918 bis 1955“. Die Ausstellung beleuchtet Gewalterfahrungen, Militarisierung und Militanz in Österreich zwischen 1918 und 1955 und zeigt, wie Gewalt weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus nachwirkte. Mit eindrucksvollen Objekten lädt sie dazu ein, über die Rolle des Militärs, gesellschaftliche Verantwortung und den Umgang mit Vergangenheit und Erinnerung nachzudenken.
© HGM/Weghaupt; eSeL.at/ Joanna Pianka