„Gewalt — Gesellschaft“: Die Ausstellung im Gespräch
Was haben historische Forschung und Detektivarbeit gemeinsam? Maria Fritsche gibt im Gespräch mit radio klassik Stephansdom Einblicke in ihre Arbeit.
Eine Interviewreihe mit radio klassik Stephansdom: Wer steht hinter der neuen HGM-Ausstellung „Gewalt — Gesellschaft“? In sieben Gesprächen mit radio klassik Stephansdom geben Expert:innen spannende Einblicke in ihre Arbeit, erzählen von besonderen Herausforderungen und zeigen, wie viele unterschiedliche Perspektiven in einer Ausstellung zusammenkommen.
Geschichte erforschen, Vergangenheit verstehen
Was können uns historische Objekte über die Vergangenheit erzählen? Wie verändern neue Forschungsergebnisse unseren Blick auf Geschichte? Und was macht die Arbeit als Historikerin besonders spannend? Im Interview mit radio klassik Stephansdom spricht Maria Fritsche, Leiterin der Forschungsabteilung im HGM, über die Bedeutung wissenschaftlicher Forschung für historische Museen, den Wandel geschichtlicher Perspektiven und die Faszination der Arbeit mit historischen Quellen.
Historische Objekte sprechen nicht für sich
Zu den zentralen Aufgaben eines Museums gehören das Sammeln und Ausstellen historischer Objekte. Doch diese Gegenstände sprechen nicht für sich selbst. Um ihre Bedeutung zu verstehen, müssen sie in ihren historischen Kontext eingeordnet werden. Die wissenschaftliche Forschung liefert dafür eine wesentliche Grundlage. Historische Forschung untersucht Zusammenhänge, fragt nach Ursachen und Wirkungen und stützt sich dabei auf eine kritische Analyse von Quellen sowie auf empirische Fakten. Eine wichtige Aufgabe besteht darin, überlieferte Mythen, Legenden und vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen und mit historischen Erkenntnissen abzugleichen.
Für historische Museen ist eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit ihren Sammlungen daher unverzichtbar.
Neue Perspektiven verändern den Blick auf Geschichte
Wissenschaftliche Forschung und gesellschaftliche Entwicklungen sind eng miteinander verbunden. Neue Perspektiven und Fragestellungen verändern auch den Blick auf die Vergangenheit. Selbst umfassend erforschte Themen wie der Zweite Weltkrieg werden daher immer wieder neu betrachtet.
Wie sich die Bedeutung historischer Objekte wandeln kann, zeigt Maria Fritsche am Beispiel militärischer Uniformen. Diese erfüllen nicht nur bestimmte Funktionen, sondern sind auch Ausdruck gesellschaftlicher Werte und Normen. Im österreichischen Nachkriegsfilm der 1940er- und 1950er-Jahre etwa wurden die hellblauen Uniformen der k. u. k. Offiziere mit charmanten, friedfertigen und musikalischen Männern verbunden. Nach den Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkriegs erhielten militärische Uniformen damit eine neue, entpolitisierte Bedeutung. Zugleich vermittelten die Filme ein nostalgisch verklärtes Bild der Monarchie als friedliches Zusammenleben verschiedener Völker. Dieses Geschichtsbild entsprach nicht der historischen Realität und trug dazu bei, die nationalsozialistische Vergangenheit auszublenden.
Wissenschaftliche Forschung und Museumsarbeit im Dialog
Wie können neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die Museumsarbeit einfließen? Entscheidend ist der kontinuierliche Austausch zwischen den unterschiedlichen Fachbereichen. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit den Sammlungsverantwortlichen, die historische Objekte betreuen und restaurieren, ebenso wie mit den Kurator:innen, die Ausstellungen konzipieren.
Dabei geht es nicht darum, dass die Forschung fertige Ergebnisse liefert, die anschließend lediglich in eine Ausstellung übertragen werden. Vielmehr bringen die beteiligten Fachbereiche unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven ein. Durch diese enge Zusammenarbeit können Ausstellungen entstehen, die wissenschaftliche Erkenntnisse mit einer verständlichen Vermittlung verbinden.
Historische Forschung als Detektivarbeit
Was macht historische Forschung besonders spannend? Für Maria Fritsche gehört dazu vor allem die Arbeit in Archiven: alte Akten zu öffnen, historische Quellen zu untersuchen und dabei neue Einblicke in vergangene Lebenswelten zu gewinnen. Am Anfang steht eine Frage, auf die mithilfe historischer Quellen Antworten gesucht werden: Was ist damals tatsächlich geschehen? Besonders eindrücklich ist die Beschäftigung mit Gerichtsakten aus der Zeit des Nationalsozialismus. Darunter befinden sich Dokumente, die von tragischen Schicksalen und Todesurteilen berichten. Abschiedsbriefe, Fotografien und Protokolle ermöglichen einen persönlichen Zugang zu den Menschen, deren Lebensgeschichten in diesen Akten dokumentiert sind.
Die Auseinandersetzung mit solchen Quellen eröffnet Einblicke in individuelle Erfahrungen und Lebensumstände. Wissenschaftliche Forschung geht jedoch über die Betrachtung einzelner Schicksale hinaus und untersucht auch größere historische und gesellschaftliche Zusammenhänge: Welche gesellschaftliche Position hatte ein Mensch? Welche Handlungsmöglichkeiten standen ihm offen? Wie hat er gehandelt und welche Umstände beeinflussten seine Entscheidungen?
So verbindet historische Forschung die Beschäftigung mit individuellen Lebensgeschichten mit der Analyse übergeordneter gesellschaftlicher und historischer Entwicklungen.
Begeisterung für die Forschung
Historische Forschung eröffnet immer wieder neue Einblicke in die Vergangenheit und ermöglicht es, bislang unbekannte Zusammenhänge zu entdecken und bestehende Sichtweisen zu hinterfragen.Für Maria Fritsche liegt die besondere Faszination ihrer Arbeit in dieser kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Geschichte. Neugier, Interesse und die Begeisterung für das eigene Forschungsgebiet sind dabei wesentliche Antriebskräfte.
Oder wie sie es im Interview formuliert:
„Man muss etwas finden, wofür man brennt, und dann findet sich auch ein Weg.“
Hören Sie rein ins Gespräch mit Maria Fritsche bei radio klassik Stephansdomund entdecken Sie die Ausstellung „Gewalt – Gesellschaft“ aus neuen Perspektiven!
https://radioklassik.at/programm/sendeformate/archiv/2154/
© 1) NB: For kommersiell bruk av bildet, ta kontakt med NTB/Scanpix, Tysk soldat gjør innkjøp i bakerforretning. 2) Hannah Mayr