Geschichte verstehen, Demokratie stärken: Historische Bildung für angehende Offizier:innen
Wie schnell können demokratische Strukturen verloren gehen? Welche Rolle spielen Gewaltenteilung und Meinungspluralismus für eine funktionierende Demokratie? Und vor welchen Entscheidungen stehen militärische Führungskräfte, wenn Streitkräfte zum Instrument eines verbrecherischen Regimes werden? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich Richard Germann, Zeithistoriker im HGM, in Lehrveranstaltungen und Ausbildungsmodulen für Angehörige des Österreichischen Bundesheeres.
Das Heeresgeschichtliche Museum wirkt dabei derzeit an zwei unterschiedlichen Ausbildungsformaten mit: an der Ausbildung “Demokratische Identität” für Informationsoffiziersspezialist:innen sowie an der Lehrveranstaltung “Führung – Recht – Moral” für angehende Berufsoffizier:innen der Theresianischen Militärakademie. Dabei kooperiert das Museum unter anderem mit dem Mauthausen Memorial, dem Zentrum für menschenorientierte Führung und Wehrpolitik (Landesverteidigungsakademie) und der Militärakademie.
Nationalsozialismus und die Mechanismen von Herrschaft
Im Mittelpunkt der Ausbildungsarbeit stehen insbesondere die Jahre des Nationalsozialismus und die Frage, wie sich autoritäre und totalitäre Herrschaft etablieren kann. Die Teilnehmer:innen beschäftigen sich mit den Zusammenhängen von Nationalsozialismus, Antisemitismus, Krieg und Holocaust sowie mit den Herrschaftspraktiken und Gesellschaftsvorstellungen des NS-Regimes.
Dabei geht es nicht allein darum, historische Ereignisse und Daten zu kennen. An konkreten Beispielen wird untersucht, wie Herrschaft übernommen, Opposition ausgeschaltet und Macht konzentriert werden kann. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Rolle der Wehrmacht im nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Gerade für angehende Offizier:innen eröffnet die Beschäftigung mit den damaligen Handlungsspielräumen militärischer Führungskräfte Fragen, die weit über die reine Vermittlung historischen Wissens hinausgehen.
Auch die österreichische Erinnerungskultur wird thematisiert: Wie wurde die Rolle “Österreichs” zwischen 1938 und 1945 in den Jahrzehnten nach dem Krieg erzählt? Wie veränderten sich diese Erzählungen? Und wie entwickelte sich daraus eine kritischere Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte?
Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit
Für Richard Germann hat diese Wissensvermittlung eine besondere Bedeutung. Am historischen Beispiel des Jahres 1938 lässt sich zeigen, wie rasch demokratische Strukturen beseitigt werden können – und welche Folgen das für eine Gesellschaft hat.
Deshalb gehören auch grundlegende Prinzipien einer Demokratie zu den Themen der Ausbildung. Dazu zählen die Trennung von Exekutive, Legislative und Judikative ebenso wie Meinungspluralismus und eine demokratische politische Kultur. Historische Bildung wird damit zu einem Ausgangspunkt, um über Verantwortung in der Gegenwart nachzudenken.
Wenn aus einem Vortrag eine Diskussion wird
Die Teilnehmer:innen bringen sehr unterschiedliches Vorwissen und unterschiedlich starkes Interesse mit. Deshalb ist ein Moment in den Kursen immer besonders wichtig: wenn aus der Wissensvermittlung ein echtes Gespräch entsteht und Teilnehmer:innen beginnen, aus eigenem Interesse Nachfragen zu stellen, Gedanken weiterzuentwickeln und miteinander zu diskutieren.
Manchmal reicht die Beschäftigung sogar weit über die Lehrveranstaltung hinaus. Informationsoffiziersspezialist:innen entwickeln etwa eigene Projekte, in denen sie sich mit der Geschichte von Institutionen, Orten oder Gebäuden in ihrer Region kritisch auseinandersetzen. Bei Angehörigen der Militärakademie können aus den behandelten Fragestellungen wiederum Themen für wissenschaftliche Abschlussarbeiten entstehen.
Nächste Lehrveranstaltung Ende 2026
Die nächste gemeinsame Lehrveranstaltung mit der Theresianischen Militärakademie und dem Mauthausen Memorial ist für Ende November beziehungsweise Anfang Dezember 2026 vorgesehen. Die Teilnehmer:innen bereiten sich mit wissenschaftlicher Fachliteratur vor. Nach der historischen Arbeit im Heeresgeschichtlichen Museum führt die Lehrveranstaltung auch nach Mauthausen, wo das Team des Mauthausen Memorial die angehenden Offizier:innen begleitet. Am Ende steht nicht einfach eine Prüfung von gelerntem Wissen. Die Teilnehmer:innen präsentieren selbst ausgewählte Themen und diskutieren kontroverse Fragen. Geschichte wird so zum Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit militärischer Verantwortung, demokratischen Werten und den Handlungsspielräumen des Einzelnen.