Mythen am Bug I - Galionsfiguren im HGM
Göttinnen, Löwen, Heldinnen – Galionsfiguren waren Schutzsymbole und Kunstwerke zugleich. Im Museum erzählen sie von der Geschichte der österreichischen Marine.
Galionsfiguren – was verbirgt sich hinter diesem Begriff eigentlich? Es handelt sich bei Galionsfiguren um kunstvoll geschnitzte Figuren, die am Bug von Schiffen befestigt wurden – also am vordersten Teil eines Schiffes.
Der Name „Galionsfigur“ geht auf Galeon zurück – einen im 16. Jahrhundert verbreiteten Schiffstyp mit einem spitz zulaufenden, oft nach oben gebogenen Vorbau am Bug. Auch spätere Schiffstypen nutzten solche Vorbauten bis ins 19. Jahrhundert und mit ihnen die Tradition, diese mit figürlichem Schmuck zu versehen.
Doch die Idee, Schiffe zu verzieren, reicht noch viel weiter zurück: Bereits in der Antike bemalten Ägypter und Griechen ihre Schiffe, häufig mit Augenmotiven, die Schutz auf See symbolisieren sollten. Im Mittelalter waren vor allem christliche Symbole verbreitet. Später – in der Frühen Neuzeit – griff man wieder auf Darstellungen aus der antiken Mythologie zurück: Göttinnen, Allegorien oder Figuren, die den Namen des Schiffes darstellten, schmückten die Schiffe.
Nur wenige originale Galionsfiguren aus dem 18. Jahrhundert sind erhalten geblieben. Im 17. und 18. Jahrhundert waren Löwendarstellungen besonders beliebt, da der Löwe als Symbol für Stärke und Macht galt. Zudem war der Löwe Wappentier vieler europäischer Seemächte wie England oder der Niederlande.
Das Heeresgeschichtliche Museum besitzt eine bedeutende Sammlung von Galionsfiguren aus dem 19. Jahrhundert. Sie stammen ursprünglich aus dem Marinemuseum in Pola – damals der wichtigste Hafen der österreichischen Marine. Von den ursprünglich 44 Figuren gingen viele nach dem Ersten Weltkrieg verloren, als sie an die Siegermacht Italien über gingen. In den 1930er-Jahren kehrten etwa 20 Figuren nach Österreich zurück – ein Ergebnis der politischen Annäherung zwischen den beiden Ländern.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden 22 der wertvollen Figuren ins Schloss Feldsberg im heutigen Valtice (Tschechien) ausgelagert, um sie vor Zerstörung durch Bomben zu schützen. Nur zwölf von ihnen konnten nach Kriegsende gerettet werden, acht davon sind heute im Heeresgeschichtlichen Museum zu sehen.
Im Sommer lädt das Heeresgeschichtliche Museum dazu ein, in die faszinierende Welt der Galionsfiguren einzutauchen: wöchentlich stellen wir eine dieser eindrucksvollen Schiffsfiguren vor – begleitet von spannenden Hintergründen, ungewöhnlichen Details und Geschichten aus der Zeit der österreichischen Marine! Zu sehen sind alle Galionsfiguren im Marinesaal des Heeresgeschichtlichen Museums:
Minerva – Göttin der Weisheit und des Schutzes
Wir beginnen mit der SMS Minerva – einem Schiff, das nach einer Göttin benannt wurde. Gemeint ist Minerva, auch bekannt als Pallas Athene. Das Schiff wurde 1833 in den Bau gelegt, war 34,3 Meter lang und trug ursprünglich andere Namen: zunächst Clemenza, später Civica. Am 18. November 1849 wurde es in Minerva umbenannt. Es diente als Matrosenschulschiff und wurde erst 1893 demoliert – es blieb also recht lange in Dienst.
Die zugehörige Galionsfigur stellt die Göttin Minerva dar, mit ihrem charakteristischen Brustpanzer – der Ägis, die laut Mythologie von Hephaistos geschmiedet wurde. Auf diesem Panzer ist der Kopf der Medusa dargestellt – ein Schutzsymbol zur Abwehr von Gefahren. Der Name „Ägis“ lebt übrigens bis heute weiter, zum Beispiel im modernen Aegis-Raketensystem auf Kriegsschiffen, das der Abwehr feindlicher Luft-, Raketen- und Seeangriffe dient.
Die Figur ist besonders eindrucksvoll und stellt Minerva in ihrer schützenden und kämpferischen Rolle dar.
© HGM/ Öffentlichkeitsarbeit
